Die didaktische Grundkonzeption an der Heideweg-Schule

Das vorliegende Konzept wurde von einer Arbeitsgruppe verfasst, an zwei Schulentwicklungstagen im Kollegium diskutiert und angenommen.

 

LEBEN  LERNEN

Ganzheitlicher Unterricht: die didaktische Grundkonzeption an der Heideweg-Schule auf der Grundlage des Lehrplanes des Landes Schleswig-Holstein, Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung
 

Autoren: Ragna Falke, Christiane Mondry, Mathea Quermann, Nicola Klein, Stefanie Albers, Constanze Lippert, Cathrin Westphal, Volker Schwarz, Günter Jänke

Der Lehrplan „Sonderpädagogische Förderung“ formuliert für die Schülerinnen und Schüler mit besonderen Förderbedürfnissen im Bereich ihrer geistigen Entwicklung folgende übergeordnete Zielsetzung: Vermittlung von Handlungskompetenz zur aktiven und sinnerfüllten Lebensbewältigung in sozialer Integration und für ein Leben in größtmöglicher Selbstständigkeit und Selbstbestimmung  (früher: „Selbstverwirklichung in sozialer Integration“ oder schlicht „Leben lernen“).
Konkret bedeutet das: der Lehrplan bezieht seine Anlässe zum Lernen nicht aus den Inhalten bestimmter Fächer, sondern aus den gegenwärtig bzw. zukünftig zu bewältigenden Lebenssituationen der Schülerinnen und Schüler. Konsequenterweise lautet daher der hinter diesem Lehrplanansatz stehende Bildungsbegriff: Bildung ist Ausstattung der Schülerinnen und Schüler mit Kompetenzen zur Bewältigung von Lebenssituationen.

Diese Zielsetzung lässt sich bei geistig behinderten Schülerinnen und Schülern in ihrer spezifischen Lern- und Lebenssituation nur durch einen Unterricht realisieren:

der ganzheitlich, entwicklungs- und handlungsorientiert ist
sowohl individuell als auch sozial ausgerichtet ist
seinen Ausgangspunkt in lebensbedeutsamen Sinn- und Sachzusammenhängen der unmittelbaren Lebens- und Alltagswirklichkeit hat
und  bei der Aufbereitung der Lerninhalte  die Fachwissenschaften berücksichtigt(s. auch Lehrplan S. 106-108)

 

Der Unterricht, der diese Prinzipien umzusetzen versucht, ist der „Ganzheitliche Unterricht“.
Die in ihm gewonnenen und weiterentwickelten Fähigkeiten und Fertigkeiten führen langfristig zu einem immer größeren Maß an Kompetenz und Autonomie in allen Lebenssituationen.

Die Prinzipien des Ganzheitlichen Unterrichts im Einzelnen:

GANZHEITLICHKEIT
Lernen in sinnvollen, situationsbezogenen Ganzheiten, in denen mit der Ganzheit der Person (Gesamtpersönlichkeit) gehandelt werden muss und nicht in Fächern, die nach fachwissenschaftlichen Aspekten gegliedert sind und die Lebenswirklichkeit  zerstückeln und auflösen.
 
ENTWICKLUNGSORIENTIERTHEIT
Orientierung des Unterrichtsangebotes am jeweiligen Entwicklungsstand der Schülerinnen und Schüler und nicht am Lebensalter oder der Klassenstufe.
 
HANDLUNGSORIENTIERTHEIT
Entwicklung von Handlungskompetenzen, d.h. selbstbestimmte Handlungsplanung, Handlungsdurchführung und Handlungsreflexion (>Denkerziehung), als Zielperspektive für jedes Lernangebot
 
INDIVIDUALISIERUNG
Beachtung individueller Wünsche, Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten bei der unterrichtlichen Planung und Umsetzung
 
SOZIALES LERNEN
Gemeinsames Lernen und Handeln an einem gemeinsamen GU-Thema in und an der Lebensrealität der Schülerinnen und Schüler
 
ORIENTIERUNG AN DEN FACHWISSENSCHAFTEN
Berücksichtigung elementarer lern- und entwicklungspsychologischer Erkenntnisse undStrukturieren aller Lerngegenstände nach fachdidaktischen Gesichtspunkten
 
         
Beispiele  Beispiele
für Ganzheitlichen Unterricht für Fachunterricht
in denen die Prinzipien umsetzbar sind: in denen die Prinzipien nicht umsetzbar sind:
„Wir schicken einen Brief an einen kranken Mitschüler“ „Die Post als Dienstleistungsbetrieb“ oder „Der Weg eines Briefes von A nach B“
„Wir fahren mit der Bahn nach Warendorf“ „Öffentliche Verkehrsbetriebe“
„Wir machen einen Fahrradausflug in den Klövensteen“ „Verkehrserziehung: z.B. die Vorfahrtsregelung“
„Wir gehen ins Weihnachtsmärchen“ „Märchen als Textsorte“
„Wir backen Brot zum Erntedankfest“  „Vom Korn zum Brot“
„Wir basteln einen Jahreskalender“ „Die vier Jahreszeiten“

 

PLANUNGSBEISPIEL  für ein ganzheitliches Unterrichtsthema

Der Planungsverlauf geht über vier Planungsebenen vom Allgemeinen zum Konkreten

1. Planungsebene 

Bestimmung und Formulierung des GU-Themas  "Wir feiern Geburtstag" Überprüfen
(Lassen sich die Prinzipien bei diesem Thema realisieren?)

 

2. Planungsebene

Bestimmung und Formulierung der Teilthemen

- Wir schmücken den Festraum
-  Wir bereiten Essen und Trinken vor
-  Wir spielen
-  Wir singen
-  Wir laden ein         
-  Wir schenken

 

Überprüfen

        

3. Planungsebene

Bestimmung und Formulierung der Unterthemen (Handlungssituationen).
Hier zum Teilthema „Wir schmücken“
-  Wir falten Girlanden
-  Wir decken den Tisch
-  Wir falten Servietten
-  Wir gestalten eine Tischdecke
-  Wir gestalten eine Geburtstagskerze
-  Wir stellen Blumenschmuck her

 

 

Überprüfen

 

4. Planungsebene

Unterrichtsplanung der Unterthemen
Bei der Unterrichtsplanung der Unterthemen werden unterschiedliche Lehr- und Lernformen berücksichtigt. Die Gewichtung dieser Lehr- und Lernformen richtet sich nach Alter und Entwicklung der Schüler.

Unterricht im GU realisiert sich in drei Lehr- Lernformen:

- Als Vorhaben            
- Als Unterrichtseinheit 
- Als Lehrgang        .     
         

Vorhaben  ist gekennzeichnet durch hohe  Mitbeteiligung der Schülerinnen und Schüler bei der Bedürfnisermittlung, Zielbestimmung, Planung und Durchführung  des Unterrichts

Einheit, hier finden im Unterschied zum Vorhaben Bedürfnisermittlung, Zielfindung und Planung im wesentlichen  o h n e  die Beteiligung der Schülerinnen und Schüler statt. Der Verlauf der Einheit wird durch die Planung der Lehrkraft bestimmt.

Lehrgang ist fachgebundener Unterricht. In ihm werden Kompetenzen aufgebaut, die zur Erreichung der Handlungsziele des GU`s benötigt werden. Da die Inhalte der Lehrgänge dadurch einen direkten Bezug zum gegenwärtigen Vorhaben, zur Einheit aufweisen, ist die Sinnhaftigkeit für die Schülerinnen und Schüler gewährleistet (Leselehrgang, Schneidelehrgang, Umgang mit Geld,…).

 

Beispiele für die Einbindung von Lehrgängen in den Ganzheitlichen Unterricht

Laut Lehrplan ist die Vermittlung der Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Umgang mit Mengen, Zahlen und Größen (UMZG) Bestandteil des Ganzheitlichen Unterrichts (s. Lehrplan S. 111). Für die Vermittlung dieser Kulturtechniken sind Lehrgänge unabdingbar!

Zum Unterthema „Wir decken den Tisch“ folgen Beispiele für Möglichkeiten der Einbindung der Lehrgänge

-       Lesen (nach dem erweiterten Lesebegriff)
-       Umgang mit Mengen, Zahlen und Größen (UMZG)
-       Falten

 

Lehrgang:  Lesen
Ein nach dem erweiterten Lesebegriff gestufterLeselehrgang kann auf jeder Stufe den individuellen Lernvoraussetzungen angepasst werden. Entsprechend haben die Lernergebnisse der einzelnen Stufen bereits Gebrauchswert für die jeweiligen Schülerinnen und Schüler und werden nicht erst bedeutungsvoll, wenn das Ziel der letzten Lernstufe „Lesen der Buchstabenschrift“ erreicht ist !

 
Situationslesen (Handlungsebene)
Vor- und Nachmachen: Lehrer deckt seinen Tisch – Schüler vollziehen die jeweiligen Handlungsschritte (jeder für sich) nach > Ergreifen von (zerbrechlichen) Gegenständen
- Hinstellen von (zerbrechlichen) Gegenständen
- (vorsichtiges) Befördern von (zerbrechlichen) Gegenständen über längere Entfernung

 

Bilderlesen (Bildebene)

Mit dem Schwerpunkt in der:

   Grundqualifikation „Gliedern nach Merkmalen
   - Abbildungen von verschiedenen Gegenständen sortieren: alle Trinkbecher ; alle Suppenteller; alle Messer usw.      
                                                          
   Grundqualifikation „Zusammenfügen
  - Alle auf einem Set abgebildeten Gegenstände zusammen suchen  und auf dem Set  „nachdecken“   
                                                                                
   Grundqualifikation „Abstrahieren von Unwesentlichem
  - Wegstreichen von Dingen, die nicht zum Tischdecken gebraucht werden                     
 
   Grundqualifikation „Generalisieren
  - Unterschiedliches Geschirr, unterschiedliches Besteck, unterschiedliche Becher,… (auf Bildebene); aus den Teilen soll ein gedeckter Tisch zusammen gestellt werden 
        
   Grundqualifikation „Zuordnen unterschiedlicher Zeichenklassen
  - Bilder mit unterschiedlichem Abstraktionsgrad von einem gedeckten Tisch (Fotos, Zeichnungen, Piktogramme); nach den Vorlagen soll der Tisch gedeckt werden      
 
   Grundqualifikation „Vorwegnehmen
  - Welches Geschirr, welches Besteck braucht man für ein Mittagessen mit Suppe, für das Kaffeetrinken,…                                                                       

 

Bildzeichenlesen
Tischdecken mit Hilfe von Piktogrammen für die einzelnen Gegenstände (Becher, Besteck, Serviette, usw.) (s. Beispiel: Lesen 7)
 
Signalwortlesen (Sprachebene)
Für ein Angebot auf dieser Lesestufe ist das Thema „Tischdecken“ wenig geeignet! Anknüpfungspunkte ergeben sich eher bei dem Erstellen einer Einkaufsliste bzw. Einkaufen für das Frühstück oder das Mittagessen: z.B. mit den Signalwörtern „NUTELLA“ oder „RAMA“…
 
Ganzwortlesen
Zuordnen von Sets, Tischkarten oder namentlich gekennzeichneten Geschirrs zu den einzelnen Schülern anhand der Schülernamen
 
Schriftlesen
Schriftliche Anleitungen zum Tischdecken                                                                                    

 

Lehrgang:  Umgang mit Mengen Zahlen und Größen (UMZG)

Pränumerischer Bereich
In diesem Bereich lernen die Schülerinnen und Schüler ihre Umwelt durch äußere und innere Ordnung zu strukturieren. Ausgangspunkt ist eine aktive Auseinandersetzung mit Gegenständen und ihren Eigenschaften (Merkmalen), der Vergleich untereinander (gleich – verschieden), die Entwicklung der Gruppen- und Reihenbildungsfähigkeit (siehe Bayerischer Lehrplan S. 175 – 177).

Merkmale von Gegenständen
      Form
      Größe   
      Farbe
 
Vergleich
Objektvergleich (gleiches Geschirr, …)
Qualitativer Vergleich von Mengen (Besteckfach mit Teelöffeln – Besteckfach mit Esslöffeln, …)
Erfahrung mit der Gleichheit von Mengen (1 : 1 Zuordnung > gleich – ungleich)             
    Invarianz (Erkennen, dass sich die Mächtigkeit einer Menge durch die Umordnung der Elemente nicht ändert)
 
    Gruppenbildung
Strukturierung von Mengen nach Gegenstandsgruppen (alles, was zum Tischdecken gehört, …)                 
Gruppenbildung nach einem Merkmal (alle Suppenteller; alle Frühstücksteller,
Gruppenbildung nach mehreren Merkmalen (alle Suppenteller mit übereinstimmenden Muster, …)
 
Reihenbildung
    Reihenbildung mit gleichartigen Gliedern (Trinkbecher in eine Reihe  
    aufstellen, …; Begriffe: zuerst, dann kommt, zuletzt kommt, in der Mitte,…)
    Merkmalsreihen (z.B.: nach Größe ordnen,…)
    Rhythmische Reihen (abwechselnd Teller-Serviette decken, …)           
                                                                            
    Bereich Menge und Zahlen
Einführung der Zahlen, unter Berücksichtigung der Bedeutung der Zahl als Bezeichnung der Mächtigkeit einer Menge bzw. als Ordnungszahl.
(siehe Bayerischer Lehrplan S. 178 - 179)
 
Mächtigkeit von Mengen
-   Anzahlbestimmung durch Simultanerfassung
-   Anzahlbestimmung durch Abzählen      
                                                                           
Ordnungszahlen
-   Zahlen als Ordnungsprinzip
-   Schreibweise von Ordnungszahlen
 
Zahlreihen
-   Zahlreihe
-   Nachbarzahlen
-   Zahlenfolgen schreiben
 
 
Lehrgang: Falten
Nicht nur bei der Arbeit mit Papier ist Falten eine unumgängliche Technik, auch im Alltag wird sie immer wieder gefordert: gefaltet wird ein Brief, die Zeitung, die Wäsche (Handtücher, Taschentücher) oder das Papier bei dem Einpacken eines Geschenkes, eines Paketes.
Wichtige Begriffe lassen sich anwenden bzw. vertiefen: Ecke, Kante, Vorderseite, Rückseite, Quadrat, Dreieck, oben, unten, rechts, links, halb, die Hälfte usw.
Bestimmte Fähigkeiten sind Vorrausetzung zur Bewältigung des Faltvorgangs (bzw. werden geübt):
 
   - Optische Wahrnehmung, Beobachten
   - Einfaches Aufgabenverständnis
   - Greifen mit zwei Fingern, Halten
   - Koordination Hand/Hand, Auge/Hand

 

Ein strukturierter Faltlehrgang mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad kann folgenden Aufbau haben:

Faltaufgabe: Buch   (s. Beispiel: Falten1)
    Faltaufgabe: Kopftuch   (s. Beispiel: Falten 2)
Faltaufgabe: Schrank   (s. Beispiel: Falten3)
    Faltaufgabe: Taschentuch   (s. Beispiel: Falten 4)
Faltaufgabe: Brief   (s. Beispiel: Falten 5)
    Faltaufgabe: Fächer   (s. Beispiel: Falten 6)
 

Literaturliste

Lehrplan, Sonderpädagogische Förderung;
Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein; 2002

Lehrplan für den Förderschwerpunkt geistige Entwicklung;
Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus; 2003

Heinz Mühl;
Handlungsbezogener Unterricht mit Geistigbehinderten,
Verlag Dürrsche Buchhandlung; 1983

Kutzer;
Mathematik entdecken und verstehen; Bd. 1
Verlag Diesterweg; 1983

Lernen konkret;
Kursheft: Lesen lernen
Dürr; 1984

Leitfaden zur Planung von Unterricht;
Handreichung für die Sonderpädagogik-Ausbildung;
IQSH

Hendrik Reimers;
Skript Modul A1; Module der FR G
IQSH; 2007